Hintergründe zur Wanderausstellung
" Bilder aus der Zwischenzeit " 
mit Gestaltungen aus der neurologischen Rehabilitation

Eigentlich habe ich zwei Geburtstage, sagte einmal ein Rehabilitand im Unterricht. Der eine Geburtstag steht in meinem Pass. Der andere Geburtstag ist der Tag, an dem ich den Unfall überlebt habe. An diesem Tag endele mein erstes Leben mit all den Zielen und Möglichkeiten, die ich hatte und es begann mein zweites Leben, in dem nichts mehr so ist, wie es war. Ich bin ein neuer, ein anderer Mensch geworden.

Schwere Schädel-Hirnverletzungen sind weitreichende Daseinskrisen, die das Leben der Betroffenen, aber auch die Welt der Angehörigen aus den Angeln heben können. Über Monate und Jahre sind die Betroffenen in Kliniken und Rehabilitationseinrichtungen und arbeiten an der Beseitigung oder Kompensation der vielfältigsten Beeinträchtigungen und Behinderungen. Eine Garantie auf Heilung gibt es nicht. Keiner weiß, wie gut alles wieder werden wird. Für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene stellt sich zudem die Frage, ob der alte Berufswunsch noch erreichbar ist. Was kommt nach der stationären Rehabilitation? Die alte Schule - vielleicht mit dem Wiederholen der Klasse, oder eine neue Schule, vielleicht eine andere Schulart, möglicherweise eine Sonderschule? Wird das Lernen überhaupt wieder gelingen, so wie früher, oder ist eine Werkstatt für Behinderte die einzig realistische Zukunftsperspektive, die bleibt?

In dieser Situation befinden sich die Rehabilitanden, die die Kunstwerkstatt der Wilhelm-Bläsig-Schule des Hegau-Jugendwerks in Gailingen am Hochrhein besuchen. In diesem neurologischen Krankenhaus und Rehabilitationszentrum besuchen ca. 200 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene nach schweren Schädel-Hirnverletzungen täglich Therapien und Anwendungen, Training und Unterricht. In Ergotherapie, Berufstherapie,   Krankengymnastik,   Sporttherapie,   Logopädie, Krankenhausschulunterricht und vielem mehr bereiten sie sich auf ihre möglicherweise gravierend veränderte Zukunft vor. Ott kristallisiert sich das konkrete Rehabilitationsziel erst im Verlauf des Aufenthalts heraus, wenn sich nach einer Phase der Stabilisierung, der schnellen motorischen, sprachlichen und kognitiven Fortschritte immer deutlicher die hartnäckigen Störungen zeigen, die zwar nicht so augenfällig sind wie beispielsweise eine Halbseitenlähmung, die aber die Fortsetzung des alten Lebensplans genauso gnadenlos verhindern wie die offenkundig schweren Behinderungen. Einschränkungen in der Merkfähigkeit, in der Belastbarkeit oder im Lesesinnverständnis sind ebenso fatal für den weiteren Lebensweg wie Konzentrationsprobleme, Wortfindungsstörungen, eine psychomotorische Verlangsamung oder Orientierungsschwierigkeiten. Das menschliche Gehirn bestimmt in so umfassendem Maße eine menschliche Persönlichkeit, dass so gut wie keine Dimension menschlichen Seins nicht auch durch eine Schädel-Hirn-Verletzung beeinträchtigt sein könnte. Dies geht hin bis zu Wesensveränderungen bei Frontalhirn-Schädigungen, durch die die Betroffenen ihr Verhalten beispielsweise nur noch schlecht oder gar nicht mehr steuern können. Durch solche Verletzungen können Menschen so aggressiv, distanzlos oder euphorisch verändert sein, dass selbst nähe Angehörige sie nicht mehr ais die gleiche Person wiedererkennen.

 In der Kunstwerkstatt der Krankenhausschule werden die therapeutisch wirksamen Elemente gestalterischen Tuns genutzt. Den Rehabilitanden wird ein Freiraum geboten, in dem sie Ablenkung und Entspannung finden, in dem sie aber auch - ganz nach ihren individuellen Bedürfhissen - an ihren Talenten, an ihren Defiziten, an ihrem schulischen Weiterkommen oder an ihrer Krankheitsbewältigung arbeiten können. Dies geschieht ohne jeglichen Zwang, ganz im Gegensatz zu dem Kunstunterricht, den Viele in ihrer Schulzeit kennen gelernt haben. Im Hintergrund stehen die Maximen von Arno Stern und Bettina Egger, die einen Malort schaffen und weiterentwickeln wollen, in dem jeder sein eigenes Tempo gehen darf auf der Suche nach der für ihn stimmigen Art des gestalterischen Ausdrucks. Selbstbestimmtes Gestalten wird hier verstanden ais ein Akt der psychischen Selbstorganisation bzw. Reorganisation. Sich durch das Malen letztlich finden, dass ist das Ziel dieses kunsttherapeutischen Ansatzes. Wie weit die Rehabilitanden diesen Weg gehen wollen, ist ihnen überlassen. Viele wollen sich nicht von alten Gewohnheiten trennen oder ganz gezielt am schulischen Verständnis von Kunst festhalten. Auch dies ist in der Kunstwerkstatt der Wilhelm-Bläsig-Schule möglich. In jedem Fall entstehen an diesem Malort die vielfältigsten Bilder, die so vielgestaltig sind wie die Persönlichkeiten, die Biographien und neurologischen Störungsbilder, die hinter diesen Werken stehen.

Diese Ausstellung ist der Versuch, anhand einzelner Bilder aus der Arbeit im Bereich Kunst der Wilhelm-Bläsig-Schule aufzuzeigen, was mit dieser Vielfalt gemeint ist. Jedes Bild ist von einem kleinen Text begleitet, der von der Entstehungsgeschichte genau dieses Bildes erzählt. Vielleicht wird gerade dadurch deutlich, dass sich diese Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen im wahrsten Sinne des Wortes in einer Zwischenzeit in ihrem Leben befinden. Das alte Leben endete mit einem Unfall plötzlich, es liegt hinter ihnen, das neue, vielleicht in vielerlei Hinsicht durch den Unfall veränderte Leben noch vor ihnen. Lassen Sie sich von den Bildern mit ihren Geschichten in diese Zwischenzeit führen. In der Summe der ,,Einzelfälle" wird vielleicht erfahrbar, was die Arbeit in der neurologischen Rehabilitation ausmacht. Es ist eine Arbeit mitten im Leben.

Themenvorgaben gibt es in der Kunstwerkstatt nicht. Die Rehabilitanden können malen, was in ihnen ist. Immer wieder entstanden dabei ganz besondere Bilder. Nicht, weil sie besonders schön und gut gelungen waren, sondern weil ihre Entstehungsgeschichte so besonders ist. Diese Ausstellung möchte Sie an diesen Geschichten teilhaben lassen. Ein Bild ist eben nicht nur ein Werk, das für sich steht und entweder schön ist oder dem Betrachter nicht gefällt. Nein, neben einem Produkt ist ein Bild immer auch ein Prozess. Es ist das Ergebnis und das Ziel eines unter Umständen langen Weges. Ein Bild als Prozess, als Lebensspur berichtet immer auch über die Person und die Lebenssituation des Malenden. Einem Bild sieht man es eben oft nicht an, unter welchen Schwierigkeiten es entstanden ist. Und schädel-hirn-verletzte junge Menschen müssen oft mit erheblichen Schwierigkeiten zurecht kommen. Aus diesem Grund sind bei dieser Ausstellung die kleinen Texte neben den Bildern so wichtig. Erst durch diese können Sie die Bilder richtig würdigen. Versuchen Sie also, die Bilder nicht nur als Kunstwerke zu sehen, sondern als Teile von Prozessen, als Lebensspuren. Suchen Sie dabei die Menschen und ihre Lebenssituation hinter diesen Bildern. Warum diese Bilder nun Bilder aus der Zwischenzeit sind, lässt sich schnell verstehen. Für viele Rehabilitanden hat mit dem Unfall oder der Krankheit ihr unbeschwertes Leben in Schule, Beruf und Gesellschaft aufgehört. Für viele Monate und Jahre sind sie nun in Krankenhäusern und Reha-Einrichtungen und arbeiten an der Verbesserung ihrer Einschränkungen. Ob alles wieder gut wird, ist ungewiss. Meist bleiben dauerhafte Behinderungen, die ein neues, ganz anderes Leben notwendig machen. Die Schöpfer dieser Bilder leben also zwischen einem vergangenen alten Leben und einem noch nicht begonnenen neuen Leben. Sie sind in einer entscheidenden Zwischenzeit ihres Lebens. Dies wird vor allem in den Texten der Ausstellung deutlich. Nehmen Sie sich die Zeit, die Muse, sich auch um diese Geschichten zu kümmern. Wenn Sie die Menschen hinter den Bildern und ihre Lebenssituation beim Betrachten der Bilder finden, ihnen nachspüren können, dann hat die Ausstellung ihr Ziel erreicht.

 

Gailingen, im November 2002                                                                       Jörg Rinninsland

 






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