Das artcafe
oder wie das Internet hilft,
wieder an sich selbst zu glauben.

(Dieser Artikel erschien in der Zeitschrift regiomed 1/2001)

Unter der Adresse www.artcafe-hegau-jugendwerk.de kann man eine ganz besondere Galerie besuchen. Bei einem Rundgang durch diese Seite des Neurologischen Krankenhauses und Rehabilitationszentrums Hegau-Jugendwerk kommt man an 30 Kunstwerken vorbei, die Rehabilitanden und Rehabilitandinnen im Rahmen der dortigen Kunstwerkstatt geschaffen haben. "Es ist die Verlängerung der Treppenhaus-Galerie der Rehabilitanden in ihre Heimatorte hinein." Um diesen Kernsatz in der Konzeption des artcafes besser verstehen zu können, möchte ich etwas weiter ausholen und dabei vor allem bei dem wichtigen Begriff des "positiven Selbstkonzeptes" vorbeikommen. Dieses ist etwas, was jeder von uns braucht, um sich den Schwierigkeiten des Lebens erfolgreich stellen zu können - und Kranke oder von Behinderung bedrohte Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene natürlich ganz besonders.

Schwere Schädel-Hirn-Verletzungen sind mit ihren vielfältigen und tief greifenden Auswirkungen schwere Daseinskrisen, die nicht nur physisch, sondern auch psychisch bewältigt werden müssen. Dies trifft oft in besonderer Weise auf Jugendliche und junge Erwachsene zu. In Zeiten der Pubertät gerade auf der Suche, welche Rolle mit welchen Fähigkeiten sie willens und in der Lage sind, in der Gesellschaft zu spielen, zerstört ein Unfall in Augenblicken jede schon vorhandene Ordnung der Motive. Es ist nur zu verständlich, dass auch offensichtliche Schwierigkeiten, Ungereimtheiten zwischen Wollen und Wirklichkeit, zwischen alten Zukunftsplänen und neuen Zukunftsmöglichkeiten oft von den Betroffenen tabuisiert bzw. ins Unbewusste "ausgelagert" und nicht wahrgenommen werden können.

Die Kunstwerkstatt im Hegau-Jugendwerk ist ein Unterrichtsangebot der Wilhelm-Bläsig-Schule, einer der größten Schulen für Kranke, die es in Deutschland gibt. Neben der Vermittlung von gestalterischen Strategien und Techniken gilt es bei diesem Angebot der Krankenhausschule immer wieder, das durch die Folgen der Schädel-Hirn-Verletzungen möglicherweise eingebrochene Selbstwertgefühl, das beschädigte positive Selbstkonzept neu aufzubauen. Kunst bzw. künstlerisches Gestalten ist hierfür in besonderer weise geeignet, ist doch angesichts der modernen Kunst schon lange eine Unterscheidung zwischen richtig und falsch in der Kunst nicht mehr möglich; sie ist Ansichtssache. Zudem ist Kunst etwas musisch Spielerisches und dadurch in unserer Gesellschaft seit je her etwas weiter entfernt vom Ernst des Lebens. Ein mögliches "Versagen" vor den eigenen Ansprüchen ist also weniger tragisch und dadurch riskierbarer. Und nicht zuletzt stimuliert künstlerisches Schaffen die Kreativität und wirkt so auf die "relative" Kreativität der Lebensführung. Sie kann den Patienten das Vertrauen geben, etwas schaffen zu können. Um diesen Aufbau von Erfolgszuversicht und neuem Selbstwertgefühl geht es in der Kunstwerkstatt der Krankenhausschule. Dabei ist das Schaffen einer stabilen Motivationslage die Grundvoraussetzung für jeden weiteren Rehabilitationserfolg.

Aber was genau ist nun dieses positive Selbstkonzept. Der Begriff "Selbstkonzept" meint alle Gedanken, Einschätzungen und Wertschätzungen (bewusst wie unbewusst) zur eigenen Person, insbesondere Informationen über den eigenen Körper, über eigene Fähigkeiten und Kenntnisse, über eigene Besitztümer und über eigene Verhaltensweisen. Von Bedeutung ist aber auch das Gefühl dafür, wie dies alles von anderen geschätzt wird. Dabei ist es recht unerheblich, was Herr oder Frau Maier aus Weiß-nicht-wo zu meinen Fähigkeiten sagen. Viel wichtiger für ein positives Selbstkonzept ist die Wertschätzung der Personen, die ich kenne und die mir wichtig sind, die also eine Rolle in meinem Leben spielen. Die Maßstäbe dafür, was an der eigenen Person als gut und erstrebenswert gelten kann, werden vom einzelnen unwillkürlich von seiner sozialen Umgebung übernommen. Man könnte daher überspitzt und in letzter Konsequenz sagen, dass wir das sind, was unser soziales Umfeld aus uns macht.

Halten wir fest, dass die Bewertungen der eigenen Leistungen nur dann in das Selbstkonzept integriert werden, wenn sie von sozial relevanter Seite geäußert werden. Das Lob eines x-beliebigen Fremden hat hier weit weniger Bedeutung als Anerkennung von Eltern, Freunden, oder anderen Personen, die eng mit der momentanen Lebenssituation verbunden sind. Diese Anerkennung der gestalteten Kunstwerke von sozial relevanter Seite ist auch für die motivierende und psychisch stabilisierende Wirkung der Kunstwerkstatt von zentraler Bedeutung. Dazu müssen die Kunstwerke jedoch einer - möglichst sozial relevanten - Öffentlichkeit zugänglich gemacht und von dieser auch wahrgenommen werden.

Eine sozial relevante Gruppe für die Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen des Hegau-Jugendwerks sind ihre Mitpatienten aus den Bettenhäusern, ihre betreuenden Ärzte, Therapeuten und Lehrer. Ihnen können die gelungenen Kunstwerke in einem der größten Gebäudekomplexe des Hegau-Jugendwerks präsentiert werden. Dort ist ein Großteil der insgesamt 23 Unterrichtsräume der Wilhelm-Bläsig-Schule untergebracht. Die Seitenwände bieten Platz für die "Treppenhaus-Galerie der Rehabilitanden". Es ist der Schulweg der Rehabilitanden, die fast alle schulisch betreut und gefördert werden. Die Wahrscheinlichkeit, dass sozial relevante Personen aus dem Rehabilitations-Leben des Kunstschaffenden hier seine Werke sehen, ist groß.

Die größte soziale Relevanz aber besitzt für Kinder und Jugendliche - vor allem in gesundheitlichen Krisensituationen - der Kreis der Familie und hier vor allem die Eltern. Der Wunsch, gelungene Bilder den Eltern schenken zu wollen, wird von den Rehabilitanden auch immer wieder spontan geäußert. Leider sind diese oft viele 100 Kilometer weit weg, erstreckt sich doch das Einzugsgebiet des Hegau-Jugendwerks über ganz Deutschland und sogar darüber hinaus.

Seit Sommer 1999 ist nun diese Treppenhaus-Galerie der Rehhabilitanden und Rehabilitandinnen bis in ihre Heimatorte hinein verlängert. Möglich macht dies das Internet. Ein gelungenes Bild, dessen Farbe gerade abgetrocknet ist, kann sofort mit der Digital-Kamera fotografiert und schon eine Stunde später im Internet präsentiert werden. Der stolze Künstler könnte im Extremfall also noch am gleichen Abend zu Hause anrufen und sagen: "Schaut euch doch mal im artcafe an, was ich schon wieder für tolle Bilder malen kann!"

So können die Rehabilitanden also ihre Bilder tatsächlich ihren Eltern, Freunden und Mitschülern zu Hause zeigen, ohne sie nach Hause tragen zu müssen. Dies kann aber nur gelingen, wenn die Werke mit den Namen ihrer Schöpfer versehen sind, wenn sie also von den Freunden daheim identifiziert werden können. Voraussetzung dafür ist das schriftliche Einverständnis der Kunstschaffenden (bei Minderjährigen auch das Einverständnis der Erziehungsberechtigten), dass Name und Alter genannt werden dürfen.

Und natürlich liegt im Medium Internet selbst schon eine Aufwertung gegründet. Allein der Gedanke, dass die ganze Welt jetzt sehen kann, dass ich schon wieder in der Lage bin, solche Bilder zu malen, ist etwas Ungeheures. Dabei spielt es eine eher untergeordnete Rolle, wie viele Personen tatsächlich das artcafe besuchen werden. Wichtig ist allein, das Erfolge wie gelungene künstlerische Gestaltungen den Menschen zugänglich gemacht werden, die wichtig sind im Leben der Rehabilitanden, dass diese ihr Lob auch den Schöpfern zurück melden und dass dadurch Gedanken wieder Raum greifen können wie: "Ich kann ja doch noch was" und: "Ich werde auch andere Schwierigkeiten anpacken und mir meine Zukunft erobern! - Da Vorne geht's weiter!"

Jörg Rinninsland
Sonderschullehrer an der Wilhelm-Bläsig-Schule






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